Hochbegabung und Wutausbrüche – nach Kindergarten- und Schulbesuch
Alle hochbegabten Kinder kommen immer glücklich und zufrieden aus Kindergarten und Schule nach Hause.
Denn sie müssen ja froh sein, etwas lernen zu dürfen.
Leider herrscht dieser Mythos immer noch in zu vielen Köpfen vor und erschwert somit das Großwerden, das Aufwachsen von hochbegabten und unterforderten Kindern. Ebenso stürzt dies viele Eltern in Sorgen und Zweifel, denn Wutausbrüche, Emotionen und Verzweiflung direkt nach dem Kindergarten- und Schulbesuch stehen bei seeeehr vielen auf der Tagesordnung.
Das Familienleben kann dadurch sehr unentspannt und unharmonisch ablaufen, denn meist ist es am Nachmittag mit vielen extremen Emotionen gekennzeichnet:
Szenario 1:
Die Tür geht auf, das Kind kommt aus der Schule nach Hause, der Schulranzen fliegt in die Ecke und das Kind ist motzend, maulend, schreit herum, macht alle anderen für seine Unzulänglichkeiten verantwortlich, ist emotional geladen, aggressiv und sowieso wurde heute das falsche zum Mittagessen gekocht.
Szenario 2:
Das Kind wird aus dem Kindergarten abgeholt und sobald ist die Mama erblickt, wird aus dem vorher ganz ruhigen und unauffälligen Kind ein kleiner Wutzwerg, dem man absolut nichts recht machen kann. Manchmal schafft es das Kind auch, die Entladung seiner extremen Emotionen noch bis zur Kindergartentür, dem Auto oder der eigenen Wohnungstür zurückzuhalten. Aber spätestens dann werden alle Beteiligten von schlechter Laune, Frustration und lautstarkem Gemecker überrollt….
Hochbegabung und Wutausbrüche
Kennst du solche Verhaltensweisen nach der Schule oder dem Kindergarten Besuch auch von deinem Kind?
Viele betroffene Eltern stellen sich in diesen Situationen immer wieder die gleichen Fragen:
- Was habe ich nur falsch gemacht?
- Was denken die anderen von mir – hat mein Kind den sozialen Umgang nicht gelernt?
- Muss ich in solchen Situationen strenger und konsequenter sein?
- Wie kann ich mein Kind unterstützen, in solchen Momenten seine Gefühle adäquat zu äußern?
Ich kann dich beruhigen!
Ganz viele hochbegabte und unterforderte Kinder zeigen genau solche Verhaltensweisen nach dem Kindergarten oder der Schule. Dies hat in der Regel nichts mit mangelnder Konsequenz der Eltern zu tun, sondern erklärt sich bei den meisten Kindern durch die dauerhafte kognitive Anpassung in Kiga und Schule nach unten an den Durchschnitt.
Hochbegabung und Wutausbrüche nach Kindergarten und Schule hat Ursachen und ganz klar Gründe!
Damit du dein Kind in seinen besonderen Momenten mit anderen Augen sehen kannst, nehme ich dich mit auf eine gedankliche Reise:
Stell dir einmal vor, du müsstest dauerhaft eine Tätigkeit ausführen, die nicht deinem Niveau entspricht, z.b. jeden Tag aufs Neue die gleichen sauberen Fenster putzen. Heute, morgen, übermorgen…
Als Herausforderung bekommst du nicht neue schmutzige Fenster, sondern immer wieder die gleichen sauberen.
- Wie würdest du dich beim Putzen der Fenster fühlen?
- Welche Gedanken gingen dir durch den Kopf?
- Wie wäre deine Reaktion, dein Verhalten, deine Antworten, wenn dich ein Familienmitglied nach dieser stundenlangen nicht herausfordernden Tätigkeit ansprechen würde?
- Hättest du deine Emotionen komplett im Griff?
Wenn ich von mir selbst ausgehe, so kann ich durchaus sagen, mein Mann und meine Kinder hätten keine Freude an mir, ich müsste meinem inneren Frusterlebnis irgendwie Ausdruck verleihen und ich wäre in meiner Kommunikation nicht unbedingt zielführend, reflektiert und zugänglich.
Und genau so geht es Deinem Kind.
Gedanklich gehe ich in meinem Familienleben etwa 10 Jahre zurück:
Auch mein Sohn kam damals motzend, maulend, schlecht gelaunt von der Schule nach Hause und hat mich für alles verantwortlich gemacht! Nichts konnte ich ihm recht machen und in meinem Unverständnis für sein Verhalten habe ich geschimpft, gemeckert, bin lauter geworden, habe gedroht… Und niemals hätte ich damals an eine Unterforderung im schulischen Kontext gedacht.
Hochbegabung und Wutausbrüche nach Kindergarten- und Schulbesuch
Was kannst Du tun?
Was kannst du nun tun, wenn du Tag für Tag mit den extremen Emotionen deines Kindes nach dem Kindergarten- oder Schulbesuch kämpfst:
Tipp 1 – und diese Variante hat bei uns damals zu einer merklichen Verbesserung im Familienleben geführt:
Sobald dein Kind nach Hause kommt, spielst du mit ihm ein Spiel auf seinem Niveau. Etwas, bei dem dein Kind seinen Kopf anstrengen muss – keine mathematischen Wiederholungen, sondern wirkliche Herausforderungen wie in logischen Spielen, Strategiespielen, Spielen die über seinem realen Alter liegen.
Ich habe hier gerne 10 bis 15 Minuten investiert, aber danach liefen die leidigen Hausaufgaben wie am Schnürchen. 😉
Tipp 2 – wenn es auch in den besonderen Momenten deines Kindes sehr schwer fällt:
Sehe das Verhalten deines Kindes als absolute Liebeserklärung an dich an, denn nur da wo ich mir der Liebe gewiss bin, darf ich ICH sein. Nimm Dein Kind in den Arm und zeige ihm Deine bedingungslose Liebe 👩❤️👩
Tipp 3 – oft reicht die Veränderung im Familienleben nicht aus:
Suche das Gespräch mit der ErzieherIn oder der LehrerIn, denn die dauerhafte Anpassung ans Normalmaß in Kindergarten und Schule fordert seinen Tribut. Das ständige “unter den eigenen Möglichkeiten bleiben”, nicht lernen dürfen auf dem eigenen Niveau, das Putzen der immer gleichen sauberen Fenster kostet dein Kind so viel Kraft, die dann an anderer Stelle wieder fehlt.
Bei meinem Sohn konnte ich damals an Tagen, bei denen er seinen heißgeliebten Matheforderunterricht besuchen durfte, eine merkliche Veränderung feststellen.
Tipp 4 – schaffe mehr schmutzige Fenster:
Neben der kognitiven Auslastung im Kindergarten und Schule braucht dein Kind auch im Familienalltag immer wieder neue Herausforderungen, an denen es wachsen kann. Mache dich auf die Suche nach Spielmaterial, Freizeitaktivitäten die normalerweise für ältere Kinder gedacht sind. Wenn Du Dir nicht ganz sicher bist, was Du bei der Auswahl des geeigneten Spielmaterials beachten sollst, dann lies hier weiter
Tipp 5 – nicht nur bei deinem Kind braucht es Veränderungen:
Aus Erfahrung kann ich sagen, die Kommunikation mit hochbegabten und unterforderten Kindern muss anders gestaltet werden, denn meist bringen sie neben ihrem hohen kognitiven Potential auch eine große Portion Selbstbestimmung und Autonomiestreben mit. Versuche in den nächsten Tagen einmal, anstatt Vorwürfe – was das Kind gerade wieder alles falsch gemacht hat – Wünsche zu äußern und deine beim Kind wahrgenommenen Gefühle zu verbalisieren.
Tipp 6 – Auslöser für die Wutausbrüche Deines Kindes könnte auch andere Ursachen haben
Hochbegabung und Wutausbrüche haben auch oft den Hintergrund, dass Dein Kind mit einer gehörigen Portion Perfektionismus gesegnet wurde. In diesem Blogartikel findest Du Hinweise, ob dies der Grund für die extremen Emotionen Deines Kindes sein könnte.
Was tust du, um dein Kind mit seinen extremen Emotionen nach dem Kindergarten- oder Schulbesuch zu unterstützen?
Welche Tipps und Anregungen hast du für andere Eltern?
Lass uns an Deinen Erfahrungen teilhaben und schreibe es in die Kommentare.
Möchtest Du weitere Anregungen und Tipps für den Familienalltag mit Deinem hochbegabten und unterforderten Kind? Dann melde Dich gleich unverbindlich für meine kostenfreie Themenwoche “Herausforderung Hochbegabung” an…
Danke für die Anregungen und dafür, dass man das Gefühl hat, nicht allein zu sein!!!
Sehr gerne liebe Sandra
Bist Du in meiner Themenwoche “Herausforderung Hochbegabung” mit dabei, denn da kannst Du dieses Gefühl noch viel öfter spüren.
https://danielaheiser.de/probleme-hochbegabter-kinder/
Ich und die Gruppe freuen uns auf Dich
Daniela
Vielen Dank für die Tipps. Meine Herausforderung zusätzlich ist die kleine Schwester. Wenn ich nach dem Kiga 15 min dem Großen Halma etc spiele, was mache ich mit der Kleinen? Das ist unser wiederkehrendes Problem für welches ich keine Lösung finde.
Hallo Victoria, sehr gerne 😍
Ich habe damals das “kleine” Kind einfach auf dem Schoß ins Spiel miteinbezogen oder habe die Zeit genutzt, als das jüngere Kind geschlafen hat.
Das ist vermutlich bei Dir nicht immer möglich, aber ich kann Dir versprechen, mit zunehmendem Alter des jüngeren Kindes wird es besser.
Alles Liebe
Daniela
Sehr geehrte Frau Heiser,
Ich lese mich gerade sehr interessiert durch ihre Seite. Seit Eintritt in den Kindergarten dürfen wir uns zeitweise täglich mit dem, speziell im Kindergarten, sehr schwierigen Verhalten unseres Sohnes auseinandersetzen.
In der großen Gruppe oder turbulenten Situationen, sowie in Situationen in denen ER sich unsicher fühlt wird es schwierig. Er haut, schlägt, tobt.
Wir durften auch schon einiges “mitmachen”. Kinderarzt: “Da müssen sie eben schauen, dass er sich das wieder abgewöhnt.” Andere Eltern: “Da müsst ihr einfach härter durchgreifen.” Soziales Kompetenztraining, Ergotherapie, Testung beim Psychologen für die Antragstellung beim Jugendamt für eine Eingliederungshilfe -> vielleicht ADS?/ etwas zwanghaftes? Ratschläge: “Lasst ihn doch mal auf Autismus testen.”
Ich habe mich lange gegen eine Testung auf Hochbegabung gesträubt und auch danach war ich nicht wirklich schlauer. In der Schule habe ich schon erlebt, wie die Testung für Kinder eine enorme Last wurde. Wir waren der Meinung, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat.
Doch wenn ich mir Ihre Ausführungen so durchlese erkenne ich unseren Sohn so sehr wieder. Mangelnde Struktur im Tagesablauf (im KiGa), Unverständnis und Hänseleien von den anderen Kindern, keine Freunde, Perfektionismus, Angst vor unbekannten Situationen (Herausforderungen), extreme Reaktionen auf Menschen, die sein Nein übergehen. …
Dafür ist er super einfühlsam im kleinen Umfeld, auch im Kindergarten, wenn am Nachmittag weniger Kinder da sind. Er verschlingt Romane, erzählt aus seinen Sachbüchern, Kombiniert und rätselt, klettert und fährt Fahrrad, freut sich immer wenn er bekannte Erwachsene und Kinder trifft.
Ihre Seite hat mir geholfen zum ersten Mal das “besondere Verhalten” und die Hochbegabung zusammen zu bringen.
DANKE